Schaufenster: Traum Alp. Älplerinnen im Porträt.

Seit fünf Jahren hängt eine Postkarte mit diesem Bild von Vanessa Püntener an meinem Kühlschrank:

Und zwar mit zwei Mal Zügeln zwischendurch. Das schaffen nicht alle meine Dekorationsstücke. Auch hier in der Thuner Küche begegne ich täglich dieser gemütlichen Unaufgeräumtheit.

Als ich den Entscheid gefällt hatte, den Bergbüro-Blog zu lancieren und mir Gedanken darüber machte, welche Fotografinnen oder Fotografen ich für einen Beitrag anfragen könnte, war die Chance gekommen,Vanessa kennenzulernen. Ein Telefongespräch später hatte ich erfahren, dass sie gerade eben zusammen mit Daniela Schwegler ein Buch herausgeben würde. Bei einem Treffen in Winterthur haben wir uns persönlich kennengelernt und fanden es alle eine gute Idee, das Buch im Rahmen der Lancierung des Bergbüro-Blogs zu zeigen.

Entstanden ist eine Porträt-Reihe von Frauen, die auf der Alp arbeiten. Sie könnten verschiedener nicht sein. Schnell verfliegt auch der romantische Touch, den Menschen wie ich ohne Alperfahrung dieser Tätigkeit oft fälschlicherweise zuschreiben. Als gemeinsamem Nenner verfügen alle Poträtierten über eine gesunde Portion Unabhängigkeit, Energie und Eigensinn.

Am Freitag, den 20. September 2013 um 18.30 Uhr findet die Buchvernissage im Alpinen Museum in Bern statt. Informationen zu weiteren Lesungen findest Du auf www.danielaschwegler.ch/lesungen.

Das Buch ist seit kurzem in den Buchhandlungen erhältlich. Der Orell Füssli an der Füsslistrasse 4 in Zürich stellt noch bis am 9. September 2013 Fotografien von Vanessa aus.

Hier als Müsterli eine Auswahl an Bildern von der Mutten Alp und das Porträt von Daniela Schwegler über Anne Krüger, Sennin auf ebendieser Alp:

Mutten_Schweine

Mutten_Milchkannen

Mutten_Käse

Mutten_Strohwolle

Mutten_Kuh_liegend

Mutten_Schaukel

Valentin, 3, und seine Schwester Emilia, 4, setzen sich, nachdem die Kühe eingestallt sind, zur Mama vor die Alphütte, die ihnen aus Janoschs Buch Papa Löwe und seine glücklichen Kinder vorliest. Der Himmel über der Muttner Alp oberhalb Thusis ist blau, die Wiesen sind morastig grün, die Kuhglocken bimmeln. Und Anne Krüger, 37, ist froh, dass sie nicht ins Büro muss wie die Löwenmama in der Geschichte, die Geld verdient für die Familie, während der Löwenpapa daheim seine Kinder glücklich macht. »Und genau so muss das Leben sein, voll happy!«, liest Anne vor.

Die Kinder strahlen und auch Anne ist zufrieden, weil sie Emilia und Valentin hier immer um sich haben kann. Auch nach dem Alpsommer, in Patagonien auf dem Landwirtschaftsbetrieb, den sie zusammen mit ihrem Partner führt. Die Liebe zu Oskar hat Anne nach Südamerika verschlagen. Genauer nach Chile Chico, ein kleines 3000-Seelen-Dorf »am Ende der Welt«, wie sie sagt. »Kulturell ist dort noch immer Wüste, dafür ist der Boden äußerst fruchtbar.« Mit archaischen Bewirtschaftungsmethoden und einfachsten Maschinen beackern Anne und Oskar ihre Felder und renovieren ihr altes Lehmhaus Stück für Stück. Anne schlägt jetzt immer mehr Wurzeln in Südamerika und hat eigentlich zwei Zuhause: den Hof in Chile und die Muttner Alp in den Bündner Bergen.

Auf der Alp veredeln Oskar und sie die Milch von 45 Kühen, meist Braunvieh, zu Alpkäse. Die Agraringenieurin und Biobäuerin, die nicht nur sennt, buttert und Brot backt, sondern in Chile auch Gemüse einmacht, Konfitüren herstellt und Fleisch trocknet und verwurstet, ist ganz in ihrem Element. »Selber machen macht Spaß!«

Oskar und ich leben unseren Traum. Wir sind beide von Herzen gerne Landwirte. Hier auf der Alp mit den Tieren und in Patagonien beim Obst- und Gemüseanbau. Aber das Pendeln zwischen den zwei Welten ist schon sehr anstrengend. Dieses Jahr merke ich es besonders. Ich sagte schon zu Oskar: Obwohl wir weniger Kühe haben als sonst, hängt mir die Arbeit sehr an. Ich bin wirklich am Anschlag. Einerseits durch den strengen Alltag hier, andererseits wegen unseres Nomadenlebens mit dem mühsamen Einwintern, wenn wir unseren Hof in Südamerika für einen Alpsommer in der Schweiz verlassen. In einer Wohnung putzt man mal schnell den Kühlschrank, bevor man auf die Alp geht. Aber mit unserem ganzen Hof in Chile ist das viel komplizierter. Wir müssen nicht nur sicherstellen, dass unsere Tiere versorgt sind und das Saatgut mäusesicher verstaut ist, sondern auch die Bewässerungskanäle unserer Felder so herrichten, dass sie nicht überfluten.

Und einmal auf der Alp, kann ich nicht mal schnell zurück, wenn ich Emilias Regenhose vergessen habe. Würde ich im Aargau wohnen, ließe ich sie mir halt zuschicken. Aber in Patagonien muss ich die Sinne beieinander haben, wenn wir wieder für vier Monate mit Sack und Pack in die Schweiz reisen. Allerdings habe ich inzwischen Übung. Ich gehe schon zum elften Mal auf die Muttner Alp und Oskar das sechzehnte Mal. Wir haben uns hier oben kennengelernt. Damals war ich noch mit Reiner verheiratet, mit dem ich die Kuhalp machte. Und Oskar hütete die Rinder auf der Alp nebenan.

In den ersten Alpsommern steckten Reiner und ich noch mitten im Agraringenieurstudium, Fachrichtung Biolandbau, im norddeutschen Witzenhausen Nach dem Studium kaufte ich mir im Sommer 2003 auf der Muttner Alp spontan zwei Kühe. Mit denen konnten wir natürlich nicht zurück nach Deutschland reisen, ich hätte sie ja nicht im Zug mitnehmen können. Also zogen Reiner und ich in die Schweiz, erst ins Glarnerland und dann in die RegionViamala ganz in der Nähe der Muttner Alp.

Im Schams mieteten wir ein Haus mit Stall. Es war kein Landwirtschaftsbetrieb, aber über Beziehungen erhielten wir ein bisschen Land dazu, auf dem die Kühe weiden konnten. Das ganze kleine Dorf mit seinen 35 Einwohnern half mit, dass es ging mit unseren Kühen und dem Schwein und den Mastkälbern, die monatlich dazukamen. Reiner und ich lebten vom Alplohn, der recht gut war, und unseren
Jobs im Winter. Er arbeitete auf dem Bau und begann später selbständig als Webdesigner. Und ich war Haushaltshilfe bei der Spitex und schrieb Artikel für Bauernzeitungen oder das lokale »Pöstli«. Dazu spielte ich Orgel für die  Kirchengemeinde Donat. Eigentlich arbeitete ich, um diese Kühe durchzubringen. Wir mussten das Futter kaufen. Für Heu und Stroh ging ganz schön viel weg von meinem Verdienst. Aber wir kamen über die Runden. Und ich träumte davon, einen eigenen Hof zu haben und eine Familie zu gründen. Doch Reiner teilte meine Familienpläne nicht.

Und dann war da eben Oskar, der Rinderhirt von nebenan, der jeweils zum Kaffee zu uns rüberkam. Wir verliebten uns im Sommer 2006 Hals über Kopf, sodass ich mich von meinem Mann trennte und Oskar nach dem Alpsommer nach Chile folgte. Und seitdem im Oktober 2008 Emilia und im Februar 2010 Valentin zur Welt gekommen sind, pendeln wir zwischen unseren beiden Welten in Chile und der Schweiz hin und her.

Dass wir immer auf dieselbe Alp gehen, ist ganz praktisch. Wir haben viel Hausrat hier. Im Prinzip führe ich zwei Haushalte, so muss ich nicht allzu viel hin- und herschleppen. Nach Südamerika nehme ich alles mit, was ich dort nicht bekommen kann. Wir reisen mit 23 Kilo Gepäck pro Person. Vier mal 23 Kilo plus Handgepäck sind es, die ich im Jahr nach Südamerika importiere. Unsere größten Wünsche  bringen wir in gut 100 Kilo unter, Bücher sind eben schwer.

Anstrengend ist natürlich nicht nur das ständige Hin- und Herreisen, auch die langen und harten Arbeitstage auf der Alp gehen an die Substanz. Oskar und ich stehen so um halb fünf auf, holen die Kühe in den Stall und binden sie an. Dann setzen wir uns kurz hin, trinken einen Kaffee. Und nach dem Melken, spätestens um acht Uhr, sind die Kühe wieder auf der Weide.

Danach geht es in die Sennerei. Am Anfang war ich die Käserin. In den zwei Sommern mit neugeborenen Kindern, als ich gestillt habe und wickeln musste, löste Oskar mich ab. Er hat sowieso ein wahnsinnig feines Gespür für Prozesse. Eigentlich käst er besser als ich. Hauptsächlich steht nun er am Kessi und ich senne ihm zu. Gegen halb zwei, zwei Uhr sind wir im Käsekeller fertig. Dann gibt’s Mittagessen, und später machen die Kinder nach Möglichkeit einen Mittagsschlaf. Um vier holen Oskar und ich die Kühe wieder in den Stall, melken sie zum zweiten Mal. Und abends um halb neun sind wir ungefähr fertig.

Wenn’s am Mittag zum Kochen nicht gereicht hat, essen wir abends warm. Die Kinder gehen oft erst mit uns ins Bett. Dann ist hier noch Tohuwabohu, bis alle die Zähne geputzt haben und wir uns so um halb zehn, zehn, halb elf hinlegen, je  nachdem.Am nächsten Tag im Käsekeller arbeiten Anne und Oskar Hand in Hand. Er nimmt die Holzbretter aus dem Gestell, legt sie auf den Tisch. Und Anne pinselt die Laibe mit Wasser ein, damit die Rinde nicht austrocknet. Die geschmierten Käse schiebt Oskar wieder zurück ins Gestell. Dabei erzählen die beiden aus ihrem Älplerleben.

Anne: Käse und Butter herzustellen ist einfach toll!

Oskar: Trotzdem sind wir keine Alpromantiker. Die Landwirtschaft ist unser Beruf, den wir gerne machen. Da gehört das Alpen dazu.

Anne: Mich befriedigt die Arbeit. Aber ich bin nicht mehr so euphorisch wie früher, als ich jeden Sommer aus dem Studium ausgebrochen bin, um auf die Alp zu gehen. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Alpsommer, als meine Mutter die Hände verwarf und fand: »Die Alp ist ja ganz nett. Aber Kind, das kann man doch nicht für länger machen!« Und jetzt sind doch schon mehr als zehn Jahre daraus geworden.

Oskar: Wir verdienen hier einigermaßen gut. In der Schweiz wird die Alpwirtschaft ja kräftig subventioniert.

Anne: Ich finde es richtig, dass man das Alpen mit viel Geld unterstützt. Aber das Ganze als Heidilandidylle zu verkaufen und so zu tun, als würden auf der Alp alle über dem offenen Feuer käsen und inbrünstig im Kessi rühren, ist einfach falsch.

Oskar: Trotzdem gibt es viele Älpler, die das aus Nostalgie machen.

Anne: Na ja, vielleicht reagieren wir diese archaischen Menschheitsbedürfnisse ab, indem wir in Patagonien jeden Tag einfeuern, immer wieder Tiere schlachten und mit den Händen in der Erde graben, um unser Gemüse anzupflanzen.

Oskar: Die Alp ist Teil unseres Berufs. Wir gehen das nüchtern und professionell an. Im Unterschied zu vielen Älplern, die das einfach mal für ein paar Sommer machen.

Anne: Immer mehr Leute suchen die Grenzerfahrung Alp.

Oskar: Ja, weil viele dann an ihre körperlichen und seelischen Grenzen kommen. Die suchen das wohl.

Anne: Wir kommen auch an unsere Grenzen.

Oskar: Man könnte die Muttner Alp von der anfallenden Arbeit her sicher auch zu dritt machen. Aber dann rentiert es finanziell nicht mehr. Wir sind auf das Geld angewiesen. Und Leute, die einfach so z’Alp gehen, drücken oft das Lohnniveau. Für die Qualität, die wir mit unserer Arbeit sicherzustellen versuchen, sollten wir eh besser bezahlt sein, mit unserer Erfahrung und der Arbeitszeit, die wir da reinstecken.

Anne: Wir verdienen 165 Franken brutto pro Tag und Kopf.

Oskar: Mit den Zwölfstundentagen im Schnitt kommen wir auf einen Stundenlohn von 13 Franken brutto. Und das, ohne in eine Pensionskasse einzahlen zu können. Inklusive der erforderlichen neunzig Tage Präsenz am Stück, rund um die Uhr und an jedem Wochenende.

Anne: Mit romantischem Älplerdasein hat das rein gar nichts zu tun. Trotzdem bist du als Älpler immer ein bisschen Ballenberg! Viele Leute sind ganz euphorisch. Die finden es so toll, dass wir alpen. Dabei gibt’s halt auch Dinge, die nicht so toll sind auf der Alp: das tiefe Lohnniveau, die geringe Wertschätzung unseres Produkts, die langen Präsenzzeiten. Aber von der Tourismusbranche wird munter das romantische Heidi-Alpleben verbreitet.

Oskar: Witzig ist ja, dass es so viele Menschen gibt, die sagen, eigentlich wäre ich auch so gerne Bauer, aber leider bin ich Banker.

Anne: Oder die sagen, sie würden auch so gerne z’Alp gehen. Aber warum tun sie es denn nicht?

Nach dem Schmieren der Käselaibe im Käsekeller geht Oskar auf die Weide, um die Kühe zusammenzutreiben. Anne wäscht in der Sennerei das letzte Käsegeschirr ab und blendet in die Zeit zurück, als sie mit Oskar auswanderte.

Als ich Oskar 2007 nach Chile folgte, war das für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich erlitt den klassischen Kulturschock. Wir lebten erst auf Oskars Land in Cochrane am regenreichen Ufer des majestätischen Flusses Rio Baker und führten ein wirklich primitives Leben. Nicht mal eine richtige Hütte hatten wir, wir wohnten praktisch im Freien. Ich hatte so manchen Heulkrampf. Es war kalt und nass auf dem bloßen Erdboden und zog durch alle Ritzen rein. Dazu war die Nachbarschaft schlecht.

Als ich nach anderthalb Jahren mit Emilia schwanger war, wollten Oskar und ich die Gelegenheit nutzen und anderswo neu anfangen. Wir hatten Glück. Ein Schutzengel meinte es gut mit uns und ruckzuck fanden wir fünfzehn Kilometer außerhalb von Chile Chico, dem »kleinen Chile«, vierzehn Hektar Land. Seither ist unser Leben in Patagonien vergleichsweise zivilisiert geworden: Wir haben Strom, fließendes Wasser und nette Nachbarn dazu.

Auf La Cepa, was aus Spanisch Weinrebe heißt, leben wir fast selbstversorgend und produzieren im größeren Stil Gemüse, Obst, Heu und Getreide für den Verkauf. Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir das Land abbezahlt haben. Es ist jetzt unser eigenes. Unser Haus, ein alter Adobe-Bau aus ungebrannten Lehmsteinen, richten wir uns nun schön her. Das Wohnklima darin ist super und der Standort sehr zentral und gut vor Wind geschützt. Dank Bewässerung ist der Boden in Patagonien sehr ergiebig. Jeden Dienstag ernten wir, um mittwochs zum Verkaufen auf den Markt nach Chile Chico zu fahren. Ich denke jedes Mal, jetzt ist das Feld aber leergeräumt, und dann hebe ich irgendwo ein Blatt hoch und finde noch eine Zucchini.

Das Land ist schier unerschöpflich. Im Moment versuchen wir den Leuten im Dorf das System der Abo-Kiste  beizubringen. Die Idee ist, dass sie uns sagen, was sie nächste Woche gerne haben möchten und wir sie dann beliefern. Bei einigen Kunden klappt das schon. Bestellen tun wir unsere Felder mit recht alten Gerätschaften. Die entdecken wir in irgendwelchen Hinterhöfen und fragen, ob wir sie haben können. Die Leute sind meist überrascht und verkaufen sie uns billig. Für neue Maschinen fehlt uns das Geld. Es wäre sowieso nicht einfacher mit neuen Maschinen, wenn man richtig rechnet. Erstens sind die Anschaffungskosten deutlich höher, und zweitens sind neue Geräte viel anfälliger und schwieriger zu reparieren. Die alten flicken wir problemlos selber. Ich finde, dass wir gut fahren mit unseren Uralt-Modellen. Sie erfüllen ihren Zweck.

Wir haben auch einige Tiere. Bis letztes Jahr waren’s noch zwei Zugochsen, die wir unterdessen verkauft haben. Zwei Pferde sind da, dazu kommen unsere Milchkuh und die Schweine, Hühner und Gänse. Die Mutterkühe haben wir im Futtergeld. Vom Verkaufserlös der Kälber geht die Hälfte an uns. Zu tun haben wir nichts mit denen. Da können wir nur »ernten«, sprich den Erlös einkassieren. Nun, da die Ochsen weg sind, ziehen wir den Pflug mit dem Auto übers Feld. Zum Ernten des Getreides haben wir einen Uralt-Mähdrescher erworben. Dazu hat sich Oskar noch einen Traktor gekauft, der in Europa ohne Weiteres als Oldtimer durchginge.

Und jetzt steht da auch ein Klavier im Haus, das ist herrlich! Es kam auf ganz abenteuerlichen Wegen zu uns. Es muss noch im letzten Jahrhundert mit deutschen Missionaren nach Chile gekommen sein. Wir fanden es in Coyhaique. Es ist ein Irmler aus Leipzig, die Fabrik ist 1943 abgebrannt. Und das Klavier ist noch gut in Schuss. Ich kann jetzt endlich wieder musizieren! Dank des Klaviers haben wir auch die Stube renoviert. Weil das sonst so komisch aussah in dem schäbigen Gebäude. Und jetzt verschönern wir Stück für Stück das ganze Haus. Eines Tages hätten wir gerne eine Badewanne und ein Sofa und solche Dinge, die man hier in Europa einfach hat.

Das Aussteigerleben haben wir jedenfalls gehabt. Zurück zur Natur will ich wirklich nicht mehr. Ich habe genug von nassen Klamotten, Rauch vom offenen Feuer in den Augen und dem Schlammfußboden bei Regen. Ich hätte es nun gerne ein bisschen schön. Im Grunde haben wir ja jetzt schon das absolute Paradies. Wir sind unser eigener Herr und können tun und lassen, was wir wollen.

Allerdings ist unser Leben auch mit großer Ungewissheit verbunden. Indem wir uns von der europäischen Zivilisation abkoppeln, sind wir vollkommen selbstverantwortlich für unser Leben. Wir haben weder eine Krankenkasse noch können wir uns eine Rentenversicherung leisten. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb kaum jemand sein sicheres Leben in Europa abbricht, um seinen Träumen zu folgen. Die Leute fürchten die Unsicherheit. Und auch mich ängstigt das  manchmal schon.

Auf der anderen Seite bin ich einfach froh, dass wir es gewagt haben und unseren Traum leben. Und das Pendeln zwischen den Welten hat mich rückblickend auch demütig gemacht. Früher dachte ich als Agraringenieurin, dass ich doch wüsste, wie der Karren läuft in der Landwirtschaft. Ist doch logisch, wie man käst. Als mir in Patagonien eine alte Frau, mit der ich gut befreundet bin, mal beim Käsen zuguckte, sagte sie, so könne man nicht käsen, das könne nicht klappen. Mein Käse wurde dann auch wirklich schlecht. Und wenn ich ihr zuschaue, sage ich, hey, so kann man nicht käsen. Und doch kommt sie zu ihrem Resultat. Sogar zu einem besseren als ich. Denn ich kenne das Käsen von der Alp her und verstehe den Prozess naturwissenschaftlich, mit dem ganzen chemischen Hintergrund. In Patagonien gibt es aber ganz andere Umweltverhältnisse und auch einen anderen Geschmack. Die alte Dame baut auf Tradition und Überlieferung – und ich laufe mit meinem akademischen Wissen auf Sand. Das finde ich ganz, ganz spannend. Und so geht es mir mit vielem auf der Welt. Je länger ich Einblick habe in das Wirken um mich herum, desto stiller werde ich vor Staunen darüber, wie alles läuft und wie fantastisch sich eigentlich unser Leben regelt, nicht?

Daniela Schwegler
Traum Alp
Älplerinnen im Porträt
Mit 180 Farbfotos von Vanessa Püntener
256 Seiten
Format 13,5 x 20,4 cm
39.50 CHF/ 31,50 EUR
ISBN 978-3-85869-557-4

www.rotpunktverlag.ch

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